4. 8. 2011
Rückblick auf 2010, Ausblick mit Realem und Träumereien:
Kirchberg-Fonds wird 50
Mit Gesetz vom 7.8.1961 (…) wurde der Kirchberg-Fonds geschaffen. In vollem Wortlaut heißt er »Fonds d'Urbanisation et d'Aménagement du Plateau de Kirchberg«; seine erste Aufgabe war der Bau der Roten Brücke, die zweite war die Bereitstellung der Bauten für die EU – der ganze Rest kam erst später hinzu. Heute soll das EU- und Bankenviertel mit Einkaufs- und Kinoparadies mit Kultur (Philharmonie, Mudam, irgendwann ergänzt ums Festungsmuseum) und Wohnen aufgepeppt werden.
Dem Kirchberg-Fonds geht es (…) finanziell ausgezeichnet. Bei einem Umsatz von nur 41,382 Mio. € (2009: 47,179) blieb ein Gewinn von 24,263 Mio. € übrig (2009: 23,089), der vollständig in den Reservefonds marschierte. So herrscht in extrem hohem Grade eitle Zufriedenheit, weswegen Zahlen in der gestrigen Pressekonferenz keinerlei Rolle spielten.
(…)
Büroparadies mit ausschmückendem Beiwerk
Das ganze Luxemburger Land verfügt aktuell über 3,2 Mio. m² Bürofläche. Allein am Kirchberg liegen davon 934.000 m², weitere 140.000 m² sind im Bau, für 274.000 m² laufen schon konkrete Planungen. Natürlich macht die EU davon den ordentlichsten zusammenhängenden Brocken aus mit heute fast 12.000 von insgesamt 25.000 Arbeitsplätzen. Dem gegenüber stehen lächerliche 865 Wohnungen im Bereich Avalon und Kiem, die absehbar auf rund 1.100 anwachsen mit dem, was zurzeit gebaut wird.
Am Ende der Träume riskiert ein böses Erwachen zu stehen, denn im Gegensatz zum schönen Gerede vom Stadtviertel, in dem sich alle Bedürfnisse vom Wohnen übers Arbeiten, Einkaufen und die Freizeitgestaltung mit Sport und Kultur befriedigen lassen, verändert sich das bestehende Ungleichgewicht mit einem extremen Überhang der Arbeitsplätze in Bezug zur lokalen Wohnbevölkerung – ein gesundes Verhältnis, das keinen Pendlerverkehr bewirkt, liegt in etwa bei 1 Arbeitsplatz für 2,5 Leute, die dort wohnen – nicht wirklich.
48.675 Arbeitsplätzen wird der Kirchberg im durchaus absehbaren Endausbau Platz bieten. Die Schulbevölkerung, zu der auch die Spitals- und Reha-Patienten (wohl der dadurch entstehenden Unschärfe wegen) zugeschlagen wurden, soll 11.350 Köpfe zählen. Die Wohnbevölkerung soll dagegen nur mickrige 13.735 Leute in rund 6.000 Wohnungen umfassen – weniger also als heute im Stadtviertel Bonneweg wohnen.
Politik verdoppelt Verkehrsproblem
Für die Kirchberger Wohnbevölkerung reichten am Ende vor Ort ganze 5.494 Arbeitsplätze. Es soll deren aber 43.181 mehr geben – was gewaltige Verkehrsströme zu Arbeits- (und Schul-) Beginn und -Ende nach sich zieht. Wenn wir großzügig sind, stehen dafür maximal 2 Stunden zur Verfügung . . . für den Transport von rund 55.000 Leuten!
Es ist verständlich, dass angesichts dieser Zahl weder Fonds-Präsident Patrick Gillen noch Fonds-Ressortminister Claude Wiseler dazu einen Kommentar abgeben wollten, müßten sie sich doch gegenseitig bei den Ohren nehmen angesichts der von ihnen geplanten Beförderungsmöglichkeiten.
Dies obwohl Minister Wiseler einleitend den Bahnhalt Rote Brücke (42 m unterhalb des Kirchberg im Alzette-Tal) als die grandiose Idee gefeiert hatte. Die Leute »zu den künftig 35.000 Arbeitsplätzen« (also deutlich weniger als schließlich da sein werden) zu bringen, »das geht nur über einen ordentlichen öffentlichen Transport«. Mittlerweile geht übrigens nicht mehr die Rede von Rolltreppen, sondern von »navettes«, was immer das sein soll, um »oben die Leute mit der Tram abzuholen«.
Die soll dann alle 500 Meter am Kirchberg halten bis zu den Foire-Hallen, auch wenn der Bahnhof dort nicht entsteht, weil »der Zug in den nächsten Jahrzehnten dort nicht hinkommt«, wie das Patrick Gillen formulierte. Trotzdem soll es einen Foire-Neubau mit 30.000 m² Ausstellungsfläche geben (3.000 mehr als heute), mit einem P&R-Parkplatz darunter. Vor der neuen Foire soll dann der Austausch zwischen Bussen aus dem Osten und Norden mit der Tram stattfinden, wobei natürlich nicht betont wird, daß diese Tram ein Fassungsvermögen von 6.000 Passagieren pro Stunde und Richtung hat.
Es braucht wahrlich unordentliche Gedankengänge, um diese Kapazität in Relation mit der Zahl von 55.000 zu Transportierenden zusätzlich zu jenen aus den Bussen aus dem Osten und Norden als »ordentlichen öffentlichen Transport« zu bezeichnen!
Dabei haben die Tramträumer die Eigenschaft, auf Fragen zu antworten, die nicht gestellt werden, um jenen auszuweichen, für die sie keine Antwort haben. Es brauche gar nicht gefragt zu werden, ob die Rote Brücke die Tram aushalte, sagte Patrick Gillen, verschwieg aber, wie der heutige Verkehr und derjenige, den die Nordstraße dorthin bringt, dann bewältigt werden soll! jmj
5. 8. 2011
EU sorgt für Baukonjunktur auf Kirchberg:
Höher bauen, verdichten – und Tramkosten verstecken
Bis November 2012 wird an der »Porte de l'Europe« direkt anschließend an die Rote Brücke der Straßenraum umgebaut: dabei wird ein Tal aufgeschüttet mit Bauschutt. Wie bereits am »Bricherhaff« wird der bd Kennedy auf eine durchgehende Breite von 62 m gebracht – »für die Tram«, wie Fonds-Präsident Patrick Gillen am Mittwoch so nebenbei fallen ließ. Mehr als das ging wohl nicht, Ressortminister Wiseler will das natürlich nicht bei den Tramkosten verbucht wissen . . .
Claude Wiseler will ebenso wenig die Karten auf den Tisch legen, wie der Verkehr mit der Tram auf zwei Spuren weniger als heute noch funktionieren soll – er wird bekanntlich nicht weniger, sondern mehr, sobald die Nordstraße auf den Kirchberg ausschüttet. Dafür kündigte Patrick Gillen Arbeiten an eben der Roten Brücke ab 2013 an, wenn die Baustelle am bd Kennedy Geschichte ist. Es gibt keine Probleme mit der Stabilität der Brücke, betonte er: das hatte auch niemand in Zweifel gezogen. Es braucht aber Nachbesserungen zur Wasserabdichtung, die Farbe muss erneuert werden, und die an die Brücke angehängten Bürgersteige samt Selbstmordverhinderungsbalustrade zeigen Abnutzungserscheinungen, die demnächst zum Sicherheitsproblem würden, wird nichts unternommen.
Bei diesen Arbeiten wird die Fahrbahn nicht verbreitert – das würde tatsächlich die Stabilität gefährden! Die zwei Spuren, die für eine Tram gebraucht werden – wenn dieses Unheil tatsächlich über die Hauptstadt hereinbricht – fehlen folglich dem Bus-, LKW- und PKW-Verkehr, die diesen Platz heute zu Spitzenstunden bereits dringend brauchen!
Es werden aber neue Bürgersteige angehängt, die dann 4 m breit sein werden, um ein gefahrloses Miteinander von Fußgänger und Fahrrädern sicherzustellen: aktuell gibt es da schon immer wieder Konfliktsituationen, vor allem seit es für Radfahrer durch Verengung der Fahrspuren zu gefährlich wurde, die Fahrbahn der Roten Brücke zu benutzen.
Damit vor allem bei Wind weniger Druck auf die aufgehängten überstehenden Bürgersteige kommt, wird es auch nicht mehr die aufgesetzte, teilweise überdachende Plexiglasstruktur geben, sondern nur eine höhere durchsichtige Abschirmung.
»Verdichtung« ist das aktuelle Schlagwort
(…)
jmj
(Anm. rer.lu:
Artikel gekürzt, da die angesprochenen neu vom Kirchberg-Fonds vorfinanzierten geplanten Gebäude nicht direkt unseren Themenkreis öffentlichen Transport betreffen: Konferenzzentrum, Pressezentrum, 3. Turm für EU-Gerichtshof, zusätzlicher Turm mit Wohnungen oben, Büros und Geschäften unten, Abbruch des Jean-Monet-Gebäudes und an gleicher Stelle Bau eines zusätzlichen Hochhauses.
Auf die Illustrationen soll hier nur verwiesen werden)
8. 8. 2011
Was uns erspart bleibt, und was trotzdem kommt:
Mit Foire-Neubau Platz für Tram schaffen
So manches geschieht am Kirchberg, um wenigstens dort einen problemfreien Tram-Betrieb zu ermöglichen. Nichts von all dem wird aber unter der Rubrik »Tramkosten« verbucht. Das wird’s am Ende wohl sogar ermöglichen, am Krautmarkt ein Gesetzesprojekt vorzulegen, das billiger ist als die zuletzt genannten 450 Mio. € . . .
Sogar die »Bastion«, die nun direkt hinter der Roten Brücke gegenüber der Einmündung des Bd Adenauer in den Bd Kennedy als Transformator-Häuschen entsteht, wird nicht mit dem Namen belegt, der dem Verwendungszweck entspricht. Daran angehängt wird – womit alles optimal versteckt ist – ein gewundenes Fußgeherbrückele, damit Fußgänger auf dem Weg zum Mudam nicht mehr im Wald zuerst hinunter und dann wieder hinauf gehen müssen: im Wald wird das Tal schließlich (noch) nicht aufgeschüttet . . .
Wer sich wundert, dass lange bevor die Chamber Gelder für Tramkosten freigibt, bereits gebaut wird: der Kirchberg-Fonds hat soviel Reserven, dass alles – auch künftige Tram-Haltestellen, die ja auch als Bus-Halt sinn machen können – problemfrei finanzierbar ist. Notfalls könnten die sogar die Renovierungskosten für die Rote Brücke im Jahre 2013 aus der Portokasse vorfinanzieren, wenn es bei Papa Staat durch irgendeine weitere Krise eng würde!
So ähnlich läuft es wohl auch am anderen Ende des Kirchberg. Im Januar 2012 findet der letzte Ministerrat in den zum provisorischen Konferenzzentrum umgebauten Foire Hallen in der Rue Carlo Hemmer statt. Der EU-Rat am 1. April ist dann der erste im neuen Konferenzzentrum anschließend ans »Héichhaus«. Doch dann sollen die Hallen nicht zurück an die Foire gehen: sie sind zum Abriß bestimmt, wie alles, was heute steht: das sei nicht mehr zeitgemäß. Auch eine (teure) treuherzige Begründung!
Zwar kommt nicht mehr das großmächtige Siegerprojekt von SteinmetzDemeyer, aber trotzdem eine dann 30.000 m² statt bisher 27.000 m² große Ausstellungsfläche auf einer einzigen Etage, und das alles längs des Circuit de la Foire Internationale. Der darunter frei werdende Platz dient dann der Tram-Endschleife sowie der Endhaltestelle für zahllose RGTR-Buslinien aus dem Osten und Norden des Landes: das wird lustig am ersten Morgen, wo innerhalb kurzer Zeit mehr Leute in Bussen ankommen werden, als in die wartende Tram passen!
Sei's drum, die heutigen Parkplätze (Foire und P&R) müssen dafür auch verschwinden. Als Ersatz ist exakt ein Niveau Tiefgarage (warum nicht 6 im dortigen trockenen Sandstein???) unter der Ausstellungsfläche vorgesehen: da passen unter Garantie nicht mehr als 1.200 Fahrzeuge rein. Reichlich wenig, um den vielen Verkehr aufzufangen, der bis zur Fertigstellung der neuen Foire – für die es auch noch kein Gesetzesprojekt gibt – mit der endlich fertigen »Nordstraße« am Kirchberg ankommt, und für den es keinen Platz auf der Roten Brücke gibt – nicht mit den heutigen Spuren und schon gar nicht, wenn's mit der Tram zwei weniger werden!
Wie und mit wie viel Geld das am Ende angerichtete Schlamassel zu reparieren sein wird, steht in den Sternen: es wird aber sicher mehr kosten als alles andere, was bis dahin ausgegeben wurde. Es sei denn, es gibt dann, wenn mit viel Geld noch mehr Chaos angerichtet ist, ein Einsehen, und das Schummer-Projekt mit der direkten unterirdischen Zuganbindung von Oberstadt, Limpertsberg und Kirchberg wird wenigstens dann verwirklicht! jmj
Illustrationen: (Anm.: rer.lu: Hier nicht abgebildet)
Was uns erspart bleibt: Luxexpo-Kopfbahnhof mit Hotel ...
Was uns nicht erspart bleibt: eine neue Foire mit Endstation für Tram und RGTR-Busse aus Ost und Nord zur Desattraktivierung des öffentlichen Verkehrs.
9. 8. 2011-08-11
Die Grenzen der Demokratie:
Freie Hand für den Prinzen bis 40 Mio. €
(…)
Ein gutes Beispiel für debattenlose Obrigkeitsentscheidungen ist wohl die fällige Renovierung der Roten Brücke. Da dürfen gerade noch drei Architektenbüros mitreden, wie die Bürgersteige und die Brüstung aussehen werden. Das gilt deckungsgleich für alle weiteren Projekte, die vom Kirchberg-Fonds durchgezogen werden: das Stadtbild wird massiv verändert, so als ob erneut ein Baron Haussmann (Präfekt von Paris unter Napoleon III von 1851-1870) am Werk wäre. Zumindest ähnelt die Methode der CSV-LSAP-Regierung langsam aber sicher derjenigen autoritärer Prinzen vergangener Zeiten!
Wenn jetzt die Grenze, ab der ein Gesetz nötig wird, um Ausgaben tätigen zu können, bei 40 Mio. € steht, so heißt das noch lange nicht, dass bei Projekten, die insgesamt wesentlich teurer kommen, nicht doch schon das eine und das andere getan und bezahlt wird, bevor es so ein Gesetz dann gibt und wo das nicht mehr drin ist. Wir haben in den letzten Tagen gleich mehrfach Beispiele gebracht, wie Infrastruktur am Kirchberg für die Tram entsteht, ohne dass das irgendwo beschlossen worden wäre – eine Einbeziehung der Öffentlichkeit ist natürlich auch nicht vorgesehen, und die Hauptstadt-CSV ist ganz besonders scharf darauf, das Thema aus den Gemeinderatswahlen herauszuhalten.
Alles sieht danach aus, als wenn das Hearing zur Neuen Brücke das letzte der Landesgeschichte bleiben wird, da es ganz und gar nicht nach den Wünschen der Politprominenz verlief. Das Wahlvolk mag dumm sterben nach dem Motto »Wir wissen schon besser, was fürs Kapital gut ist«. Ganze Absätze in Koalitionsabkommen, die öffentliche Debatten in allen Fragen versprechen, sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen – so lange zumindest, wie sich nirgendwo eine richtige Opposition rührt.
(…)
jmj |